Regulativmedizin - Mehr als eine Alternative
Erweitertes Verständnis von Krankheit und Gesundheit

Bioethik in der Tiermedizin

Lit.: Michael W. Fox , Bioethic, in "Complementary and Alternative Veterinary Medicine - Principles and Practice",  in Allen M. Schoen et al., Naturheilverfahren in der Tiermedizin, Urban & Fischer, 1. Auflage 2005 *

 


Definition

Der Wissenschaftszweig der Ethik umfasst verschiedene Schulen und Überlieferungen von Fragestellungen, Argumentation und Diskurs, deren bedeutsamste die Bioethik ist. Diese Wissenschaft betrachtet unsere Rollen und Verantwortlichkeiten sowie die Folgen unseres Lebens und Treibens, unsere Produkte, Prozesse, Lebensstile, Einstellungen undWerte wesentlich umfassender als andere ethische Systeme. Die Grundprinzipien der Bioethik lassen sich in den „Sieben Goldenen Regeln“ zusammenfassen:

1.Mitgefühl

2.Ehrfurcht und Respekt

3.Ahimsa (Nicht-Schädigung bzw. Nicht-Verletzung; die Gewaltlosigkeit als wichtigstes Prinzip des Hinduismus)

4.Soziale Gerechtigkeit und speziesübergreifende Demokratie (Achtung vor nicht-menschlichem Leben)

5.Öko-Gerechtigkeit bzw. Umweltethik

6.Schutz und Verbesserung der bikulturellen Vielfalt

7.Nachhaltigkeit


Der Tierarzt und das „liebe Vieh“

Im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen gehören Veterinäre einer einzigartigen beruflichen „Zunft“ an, verfügen sie doch über bedeutende empathische und wissenschaftliche Kenntnisse über Tiere.Tierärzte müssen daher in Gesellschaft und Wissenschaft eine wichtige Rolle übernehmen. Seit Tausenden von Jahren gibt es Tierärzte. Auf Grund ihres Einfühlungsvermögens durch wissenschaftliches und instrumentellen Wissens als Vermittler zwischen  Mensch, Tier und Natur genossen sie seit jeher hohe gesellschaftliche Wertschätzung. Wie Professor Calvin Schwabe in seinem Werk „Cattle, Priests and Progress in Medicine(1978)“ausführt, waren die ersten Veterinäre unter den Priesterheileren der altägyptischen Dynastien zu finden.

Den Tieren in der Landwirtschaft von heute wird allerdings nur selten tierärztliche Betreuung und Fürsorge im gleichen Maße zuteil wie ihren Vorfahren.

Nur wenige Veterinäre* verfügen über ausreichende Kenntnisse über gute Nutztierhaltung,Tierverhaltensforschung, Weideland und seine Bewirtschaftung bzw. ökologische landwirtschaftliche Methoden, um der Gesellschaft in diesen Bereichen als Ratgeber dienen zu können.

Derartige Veterinäre werden nicht mehr besonders hoch geschätzt und werden im Zuge der zunehmenden Industrialisierung der westlichen Landwirtschaft zusammen mit den landwirtschaftlichen Familienbetrieben mehr und mehr verdrängt.

*Anmerkung: meine berufliche Ausbildung begann nach Schulabschluss mit einer Lehre in der Landwirtschaft; Berufsabschluss (Facharbeiter): Landwirt für Acker-und Pflanzenbau, Landwirt Rinderzucht).


Nutztiere und Landwirtschaft.

Das Wohlergehen landwirtschaftlicher Nutztiere in den intensiven Produktionssystemen der entwickelten Länder ist durch extreme Massentierhaltung und dem Verlustnatürlicher Verhaltensweisen bedroht. Das Wohlergehen von Tieren verdient sowohl aus ethischer Sicht als auch aus ökologischen Motiven Beachtung.

Die Fleischgewinnung zur Deckung des Proteinbedarfs der Menschen ist fast überall auf derWelt unökonomisch. Abgesehen von der inhumanen Behandlung dieser Tiere in denTierkonzentrationssanlagen.

Der tierärztliche Berufsstand muss den Nutzen einer fleischarmen und vermehrten vegetarische Ernährung für die Gesundheit der Allgemeinheit, die Umwelt und dasWohlbefinden von Nutztieren anerkennen. Ein solcher Wandel in den Ernährungsgewohnheiten* wird immer dringender erforderlich. Die Weltbevölkerung wird sich bis 2050 verdoppelt haben.

*Anmerkung: die Ernährungskompetenz der Menschen sinkt zunehmend; besonders unter jungen Menschen im Alter von 16-24 Jahren; Männer haben eine geringer ausgebildete Kompetenz als Frauen)

Tierärzte haben eine Verantwortung für das öffentliche Gesundheitswesen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Kontrolle über Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. (Schwabe, 1984).

Jeder, der in der Nutztierhaltung tätig ist, sollte den Zusammenhang zwischen dem übermäßigen Genuss von tierischem Fett und Eiweiß,  auch Meeresfrüchten, und den damit zusammenhängenden Gesundheitsproblemen kennen. Eine Ernährungsweise, die den Verzehr von frischen organische Produkten, Obst und Gemüse sowie ballaststoffreichen Getreide den Vortritt lässt, kann die genannten Probleme verhüten.

Dazu gehört, Raffinadeprodukte, Zucker, Salz, tierisches Fett und Protein zum Verzehr einzuschränken.

Synthetisch-pharmazeutische Medikamente

Keine der im Handel befindlichen und zugelassenen pharmazeutischen Produkte unterliegen einer ethischen Bewertung!

Viele dieser Erzeugnisse haben zur Vernichtung unschätzbarer ethnobotanischer Kenntnisse und wertvollen Ethnoveterinär-Wissens in durch Kolonialmächte ausgebeuteten Entwicklungsländern geführt.

Die iatrogenen, ökonomischen und ökologischen Folgen waren verheerend.

Der Gebrauch bzw. Missbrauch von Steroiden, Antibiotika und wachstumsförderndenMitteln, Umweltschäden durch Insektizide, Dioxine, chemische Düngemittel, Fungizide, Fumigantien und weiteren schädlichen landwirtschaftlich verwendete Chemikalien bewirkt ihr Übriges.


Bildungsinitiativen und Dienstleistungen

Regionale Zentren, die sich den Gesundheitsproblemen von Tieren, einschließlich wildlebenden,  durch Umweltverschmutzungen widmen, sind mehr zu befördern als es bisherder Fall ist.Viele auf dem Land oder im Wasser ansässige Lebensformen, die zum großen Teil auch vom Menschen verzehrt werden, sind von chemischen Schadstoffen, einschließlich Kunststoffen,  belastet. Ihre Fortpflanzungsfähigkeit und die Krankheitsabwehr werden

dadurch beeinträchtigt. Landwirtschaftliche Nutztiere weisen hohe Konzentrationen an Agrochemikalien und industriellen Kontaminanten auf.

Auf die Lehrpläne aller Lehrstühle der Veterinärmedizin weltweit gehören:

Einführungskurse in Veterinär-Ökologie bzw. Öko-Veterinärmedizin sowie

Veterinär-Ethologie,

Bioethik,

artgerechte Tierhaltung und Recht.


Nach dem Staatsexamen sollten Studiengänge  zur vertiefenden Weiterbildung in diesen Bereichen angeboten werden. Ausbildung in der Veterinärmedizin und idealistische Vorstellungen werden schnell auf ei ntieferes Level gestellt, als dass sie sich das vorstellen konnten.

Viele der Studierenden gelangen schnell zu konventionellen, weniger idealistischen Vorstellungen und unterwerfen sich schnell pekuniären Zielen, die ein ungewolltes Feld der Arbeit eines Veterinärmediziners im hier beschriebenen Sinn hinterlassen.Diese Ziele werden nur selten einer ethnischen Überprüfung unterzogen. Alle Studenten sollten aber die Möglichkeit haben, ethische Fragen in offener und vertrauensvoller Atmosphäre anzusprechen.

Ein Pflichtkurs in der tierärztlichen Bioethik wäre die ideale Basis eines solchen Forums für Studenten.

Die Ausbildung der Veterinärmediziner ist genauso monolithisch, pedantisch, mechanistisch und reduktionistisch wie die der Humanmediziner in der konventionellen, allopathisch orientierten Medizin.

Ein ethisches Herangehen an Ausbildung und Praxis der Veterinärmediziner wird auch eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft menschlicher, mitfühlender, ökonomisch lebensfähiger und umweltgerechter zu machen.

Auf dem Lehrplan im Fach Veterinärmedizin sollten Kurse in Ökologie ebenso stehen wie solche in Kultur, Anthropologie und Ethno-Vetreinärmedizin.

Tierheilkundliche Fakultäten in Entwicklungsländern sollten diesen Themen besondere Aufmerksamkeit widmen, bevor sie westliche Standards blind übernehmen.

Ein weiterer wichtiger Bereich für die Veterinärmedizin ist die Ethologie. Ohne tiefes Verständnis des Verhaltens und der Sozial-und Umweltverhältnisse von Tieren,bleibt die tierärztliche Ausbildung unzureichend.

Ein rein mechanistisches und reduktionistisches Herangehen an die Gesundheit, die Krankheitsverhütung und behandlung von Tieren ist unvermeidlich, wenn die Veterinärmedizin versäumt, die Emotionen, die sozialen Verhaltens-und Umweltbedürfnisse und andere stressinduzierte Haltensweisen zu berücksichtigen.

Dieser Mangel in der Ausbildung wird deutlich, dass Vertreter des Tierärztestandes kaum Besorgnis äußern oder gar Widerstand leisten gegen inhumane Intensivmethoden derTierproduktion, wie die fabrikkonformen landwirtschaftlichen Betriebe, die Transport- und Schlachtverfahren sowie andere unartgerechte Haltungsformen und Futtermittelbereitstellungen.

Der Berufsstand der Veterinärmediziner befindet sich in einer ethischen Zwickmühle.

Tierärzte sind gezwungen, zugleich die oft widersprechenden Interessen von Besitzern und Tieren zu vertreten. Ohne ethische Überlegungen aber sind Interessens- und Verantwortungskonflikte unlösbar.

Tierärztliche Ethikausschüsse beschäftigen sich nur mit den Verhaltenskodex des Berufsstandes betreffenden Fragen wie Kunstfehlern, illegaler Drogenmissbrauch und unfairem Wettbewerb.

Jedes Fachgebiet der Veterinärmedizin wirft einzigartige ethische Fragestellungen auf.

Tierärzte müssen sich dann entscheiden, ob sie die damit verbundenen Praktiken und Verfahrensweisen unterbinden oder unterstützen wollen.

Beispiele:

1.Ohren/Schwänzekupieren

2.Euthanasie gesunder Tiere

3.Züchtung von Mutanten mit semiletalen oder letalen Deformitäten

4.Halten von Legehennen in Batterien (trotz Verbots lt. §11 TSG)

5.Trächtige Sauen in engen Standausrüstungen während der Säugeperiode

6.Hygienische, aber mit sozialer Verarmung verbundene Laborkäfighaltung von auf Bäumen lebenden Primaten

7.Entwicklung neuer Impfstoffe und Medikamente zur Förderung der Vermehrung trotz der damit verbundenen Risiken.

Angewandte Tier-Ethologie ist eine Voraussetzung für das Verständnis der „Ethostase“, bei der das Ethos, also sein inneres Wesen und sein Bedürfnis, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, miteinander in Harmonie sind.

In der veterinärmedizinischen Ausbildung sind viele unterschiedliche Wissenschaftszweige integriert.

Da die meisten Tierkrankheiten verschiedene Aspekte und Ursachen haben, ist es empfehlenswert, bei der Gesundheit und dem Wohlergehen von Tieren interdisziplinär bzw.ganzheitlich anzusetzen. 

Gesundheit ist nicht gleichzusetzen mit Nicht- Krankheit; sie ist ein Zustand der Harmonie bzw. Homöostase von Geist und Körper, Psyche und Soma also, einerseits und  vom Tier und seinen sozialen Beziehungen andererseits. Aus dem ganzheitlich orientierten Blickwinkel einer Veterinär-Ökologie sind gesunde Böden die Grundlage für gesundes Getreide und gesundes Futter. Das schafft die Voraussetzungauch für gesunde Tiere und Menschen. Sie beeinträchtigen die Gesundheit und erhöhen die Krankheitsanfälligkeit von Tieren und Pflanzen, mit der Folge des erhöhten Einsatzes von Arzneimitteln und Pestiziden.

Das Immunsystem eines Tieres  wird durch den Mangel an Zink, Selen, oder Vitamin E  in der Nahrung beeinträchtigt.

Die vier Säulen der ganzheitlichen präventiven Veterinärmedizin sind daher:

1.optimale Umweltverhältnissen

2.artgerechte Ernährung

3.Beachtung und Verständnis (Tierpflege und Versorgung) und

4.optimale Zuchtverfahren

Überbelegungen, schlechte Tierpflege, Angst, verunreinigtes Wasser  und Wärmestress sind wichtige Faktoren zur erhöhten Anfälligkeit gegenüber Krankheiten.

In immungeschwächten Tieren können Bakterien und Viren mutieren und eine erhöhteVirulenz entwickeln. Durch Parasitenbefall wird das Problem noch verstärkt.